Die Entdeckung Balis

Adrian VickersAdrian Vickers, Dozent für südostasiatische Geschichte an der Universität von Wollongong (Australien), hat mit dem Buch »Bali – Ein Paradies wird erfunden« eine kenntnisreiche Studie zur historischen und kulturellen Entwicklung Balis vorgelegt.

Fesselnd zeigt Vickers, wie sich das Bild Balis im Laufe der Jahrhunderte von der einer wilden, von einem grausamen und barbarischen Volk bewohnten Insel zum Ideal eines erotischen Paradieses veränderte. Trotz der etwas irreführenden Aufmachung der deutschen Übersetzung sehr empfehlenswert, doch leider nur noch im Antiquariat oder ihrer Bibliothek erhältlich.
"1597 entdeckte Cornelis van Houtman, der Führer der ersten holländischen Expedüion nach dem sogenannten Ostindien, die Insel; 300000 Balinesen und eine beträchtliche Zahl anderer Bewohner der Inselwelt waren freilich nicht ganz so überrascht zu erfahren, daß es ein Bali gab, genausowenig wie die portugiesischen ' Seeleute und Missionare sowie der englische Pirat Sir Francis Drake, die schon vor van Houtman dagewesen waren. Diese »Entdeckung« Balis vollzog sich zu einer Zeit der Religionskriege in Europa, in deren Folge Holländer und andere Europäer alle Konflikte, denen sie bei ihren Versuchen, in diese Weltgegend vorzudringen, begegneten, unter religiösen Vorzeichen sahen. Das Bild Balis zu dieser Zeit war in starkem Maße ein Produkt jener Voreingenommenheit und politischen Frontbildung. Diesen Europäern erschien Bali als eine durch die Religion bestimmte Insel, ein Hindu-Vorposten in einem Meer von Islam. Das Land floß über von den tropischen Wunderdingen Ostindiens und wurde von einem Herrscher voller Pracht regiert, der von Insignien der militärischen Macht und des Reichtums umgeben war. Van Houtman, ein Abenteurer seiner Zeit, hatte den Auftrag, den Holländern den lukrativen Gewürzhandel mit den Molukken, den Gewürzinseln zu öffnen. Also war er ein Feind der katholischen Spanier und Portugiesen; und er war, wie die meisten seiner nordeuropäischen Landsleute, natürlich ein gestandener Protestant. Wie andere Protestanten auch stand er aber nicht nur zu den Papisten, den Unterdrückern der Niederlande, in Gegnerschaft, sondern auch zum Islam, dem großen Feind des christlichen Glaubens. Das Buch, in dem van Houtmans Reise für das übrige Europa beschrieben wurde, ist viele Male in verschiedenen Sprachen neuaufgelegt und bearbeitet worden. Es entsprach den wissenschaftlichen Maßstäben seiner Zeit und bot einen Überblick über die Völker, die Landesprodukte und die Naturgegebenheiten, wie sie auf dem Weg vom Amsterdamer Hafen zu den, Gewürzinseln angetroffen wurden. Den von ihm vermittelten Vorstellungen sollte eine zentrale Rolle in dem zukommen, was Nordeuropäer über Ostindien dachten. Bali stellte in dem Buch einen Gegenpol zu der feindlichen islamischen Welt dar, denn van Houtman und seine Männer hatten es auf ihrer ganzen Reise mit islami-schen Königreichen zu tun gehabt. Gegen alle diese Muselmanreiche, die Mauren und Türken, proklamierte van Houtmans Buch die Entdeckung eines freundlichen »Heiden«-Königreichs, womit ein Hindukönigtum gemeint war. Mit dem Hinduismus war Europa schon seit den Tagen Alexanders des Großen vertraut. [...]. Die Beschreibung Balis gab Kunde von Reichtum und Luxus. Die Holländer, die zu dieser Zeit keinen eigenen König hatten und daher die Rolle des Königtums im Staatswesen aus einem ganz besonderen Blickwinkel ansahen, waren fasziniert von dem balinesischen König. Die in der Erstausgabe beigegebene Abbildung zeigt den König halbnackt in einer prächtigen, von Büffeln gezogenen Kutsche, umgeben von seinen bewaffneten Leibwächtern, die Lanzen mit goldenen Spitzen und Blasrohre tragen. Diese Leibgarde rückt einerseits die Untertanen ins Bild und verweist andererseits auf den Gewaltaspekt jeder Auseinandersetzung zwischen fremden Nationen. Reisfelder und andere Produkte, die die Natur der Tropen so freigebig hervorbringt, bilden den Hintergrund: ein Reichtum im Überfluß, der aus dem Bild eine Einladung zum Ostindienhandel machte."

Adrian Vickers, Bali – Ein Paradies wird erfunden, übersetzt von Jochen Greven, Bruckner und Thünker, Köln 1989