Gamelan - die Sprache der Götter

Helmut Uhlig vermittelt in seinem Buch »Bali – Insel der lebenden Götter« in vielerlei Geschichten und Erlebnissen auf unterhaltsame Art und Weise Hintergrundwissen über die südostasiatische Insel: über Ahnenkult und Götterverehrung, den Alltag im Dorf und traditionelle Feste, historische und heilige Stätten, Gamelan-Musik und Tanz, Hahnenkampf und Stieropfer, Hochzeit und Tod.

"Mit diesem Abschnitt über balinesische Gamelanmusik müßte eigentlich ein eigenes Buch beginnen, ein Buch, das bisher noch nicht geschrieben worden ist: über den melodisch-rhythmischen Zauber, der über Bali liegt, der einem überall auf der Insel begegnet als eine Klangwelt von eigenartigem, unverwechselbarem Reiz: Töne, die man nie mehr vergißt wenn man sie einmal gehört hat.
"Für das ungeschulte oder nur an westliche Musik gewöhnte Ohr klingen die auf fremde, erregende und zugleich monotone Weise rhythmischen Melodien Balis alle gleich oder zumindest ähnlich. Hat man sich aber erst einmal eingehört, so erlebt man den Reichtum dieser Musik, die zu den eigenartigsten und zauberhaftesten dieser Erde zählt. Mag sein, daß dieser Zauber nicht zuletzt davon ausgeht, daß Balis Musik meist zu Tänzen erklingt und daß sie, wenn nicht dazu getanzt wird, doch das Bild der Tänzerinnen suggeriert, die traumhaft sicher Körper, Füße, Arme, Finger bewegen, als seien sie Glieder eines wunderbaren Mechanismus, der nicht der Unbeholfenheit und den Zufällen unserer oft unbeherrschten Gesten unterliegt. Als ich das Gamelan zum ersten Mal hörte, hatte ich das Gefühl eines neuen, einmaligen Musikerlebnisses, wie ich es noch nie in solcher Übereinstimmung von Umwelt und Klangwelt erlebt habe. Ich wußte damals noch nicht, daß die hohen kristallklaren Töne, die ich vernahm, für den semar pegulingam charakteristisch sind, das balinesische Hoforchester, von dem es nur noch wenige gibt. [...] Erstaunlich am meist überaus perfekten Gamelanspiel, ab es sich nun um eine Probe, eine Festmusik oder eine Tanzbegleitung handelt, ist die zurückhaltende, geradezu anonyme Haltung der Spieler. Nicht nur, daß es keinen Dirigenten, ja nicht einmal einen deutlich hervortretenden Vorspieler gibt. Auch das Solistische einiger besonders schöner, klangvoller Stellen in den oft nicht endenwollenden Stücken bleibt völlig unbeachtet, tritt hinter der vollendeten Wirkung des Ganzen zurück. "Göttersprache" nannte es ein Brahmane, mit dem ich über die Eigenart seiner Wirkung auf ein fremdes Ohr sprach. Wie Göttermusik klingt es durch die abendlichen, vielerorts noch immer vom Schein der Öllampen spärlich erleuchteten Straßen und Anwesen balinesischer Dörfer, die einen deutlichen Kontrast zur Welt der an Balis Stränden aufschießenden Luxushotels bilden, die so wenig zum Geist der Insel und seiner Bewohner passen."

Helmut Uhlig, Bali. Insel DER LEBENDEN Götter, Bertelsmann, München 1979