Die fromme Insel

Richard Katz beschreibt in seinem Buch mit dem etwas anstößigen Titel »Heitere Tage mit braunen Menschen« (1929) seine Erlebnisse und Eindrücke auf Java und Bali. So fremd dem seinen Vorurteilen und seinem Dünkel verhafteten Europäer die »bronzehäutigen« Balinesen auch sind, er kann sich der Faszination der exotischen Insel nicht erwehren und trägt mit seinem Buch bei zum Mythos vom friedlichen Paradies, das von lächelnden, liebenswürdigen Menschen bewohnt wird und über dessen »eleganten Vulkankegeln und Kraterseen Schmetterlinge und metallblaue Vögel schillern«.
"Menschen, die an Vulkanen leben, sind fromme Menschen. Nicht nur in Italien oder Japan, überall in der Welt. Und am frömmsten sind sie hier auf Bali, das pockennarbig ist von Vulkanen. Da gibt es keine Flucht vor dem erzürnten Gotte. Krater verriegeln die Ufer, Krater an Krater hügelt das Zentrum, und ein gigan- tischer Krater, Gunung Agung, beherrscht die ganze grüne Insel aus 3100 Meter Höhe. Was Wunder, daß die Balier fromm sind, gottesfürchtig in einem Maße, das alle Lebensäußerungen umfaßt, von der Verdauung bis zum Sterben, und alle Betätigungen, vom Lausen bis zum Reisbau. Sie sind Hindus und haben ihre Religion gegen Islam und Christentum bewahrt, weil ihre Dreieinigkeit die fruchtbaren und furchtbaren Vulkane symbolisiert: Brahma, der Schöpfer, ist der Humus aus verwitterter Lava, der alle Nahrung zeugt; Wischnu, der Erhalter, läßt die befruchtenden Bäche von den Flanken der Bergkegel schäumen, und Schiwa, der Vernichter, offenbart sich im tödlichen Strom geschmolzenen Gesteins, im giftigen Schwefeldampf und im furchtbaren Beben der Eruption. Trimurti des gleichen mystischen Abgrunds: des Vulkans. Tausende, Hunderttausende von Göttern daneben. Jeder grünende Hügel hat seinen guten "Dewa"-Geist, jeder Felsblock seinen. Dämon. Diesen zu danken, jene zu besänftigen, ist stete Pflicht der Vulkanmenschen. Sie stehen allzu sehr in Gottes Hand, als daß sie es riskieren dürften, Freigeister zu sein. So ist die wohlgestaltete, bronzehäutige Menschenmillion auf Bali vollgesogen von Gottesglauben wie ein Schwamm von Wasser. [...] Bei Tag und Nacht (nachts stellen sie den Dämonen Speisen vor den Hütteneingang) sind die Balier so überbeschäftigt mit Opfern und frommen Sinnieren, daß sie im fremden Beobachter zunächst den Eindruck eines ungewöhnlich faulen Volkes erwecken. Einen Eindruck freilich, der sich bei näherer Betrachtung balischer Kunst verliert. An ihre Tempel nämlich und ihre Leichenverbrennungen, an ihre Weihetänze und ihren Opferdienst wenden sie eine Fülle bedachtsamen Fleißes. Wäre nicht ihr Temperament südlich heiter: sie glichen mitteralterlichen Mönchen an eigener Bedürfnislosigkeit und selbstloser Hingabe an Gott."

Richard Katz, Heitere Tage MIT BRAUNEN Menschen (1930), Schweizer Druck- UND Verlagshaus, Zürich 1961