Razzia beim Hahnenkampf

Hahnenkampf Walter Spies
Hahnen Kampf - Zeichnung von Walter Spies, Bali 1927

Clifford Geertz, einer der bekanntesten Anthropologen der Gegenwart, beschäftigte sich ebenfalls ausführlich mit der balinesischen Kultur und lebte mit seiner Frau auf der Insel. Etwa zehn Tage nach ihrer Ankunft wird auf dem Dorfplatz ein Hahnenkampf veranstaltet, um Geld für eine neue Schule aufzubringen. Den beiden Amerikanern bringt er die Aufnahme in die dörfliche Gemeinschaft, da sie bei einer Razzia wie alle anderen fliehen.
"Nun aber sind, von einigen wenigen Anlässen abgesehen, Hahnenkämpfe auf Bali unter der Republik illegal (wie das aus recht ähnlichen Gründen auch bei den Holländern der Fall war), hauptsächlich als Resultat eines puritanischen Anspruchs, wie er gerne mit einem radikalen Nationalismus einhergeht. Die Elite, die selber nicht so besonders puritanisch ist, macht sich Sorgen um den armen unwissenden Bauern, der all sein Geld verspielt, um das, was wohl die Ausländer denken könnten, und über die Vergeudung von Zeit, die besser zum Aufbau des Landes eingesetzt wäre. Sie betrachtet den Hahnenkampf als »primitiv«, »rückständig«, »nicht fortschrittlich«, überhaupt als unpassend für eine aufstrebende Nation und bemüht sich – nicht besonders systematisch –, dieser und anderen Peinlichkeiten wie Opiumrauchen, Bettelei und unbedeckten Brüsten ein Ende zu setzen. Ähnlich dem Trinken unter der Prohibition oder dem Marihuanarauchen heutzutage finden die Hahnenkämpfe, die einen Teil des balinesischen »way of live« bilden, natürlich weiterhin statt, und das außerordentlich häufig. Genau wie während der Prohibition oder im Fall des Marihuanarauchens heute fühlt sich die Polizei – die zumindest 1958 fast ausschließlich aus Javanern und nicht aus Balinesen bestand – von Zeit zu Zeit dazu berufen, Razzien durchzuführen, Hähne und Sporen zu konfiszieren und ein paar Leute mit Strafen zu belegen. [...] Daher werden die Kämpfe gewöhnlich in einer abgeschirmten Ecke des Dorfes halbwegs geheim durchgeführt, was zur Folge hat, daß die ganze Aktion ein klein wenig langsamer vonstatten geht; doch die Balinesen stört eine solche Verlang-samung sowieso nicht. In diesem Falle jedoch dachten sie, sie könnten es auf dem Dorfplatz wagen und damit eine größere und enthusiastischere Menge zusammenbekommen, ohne die Aufmerksamkeit des Gesetzes auf sich zu ziehen – sei es, weil sie Geld für eine Schule aufbringen wollten, das ihnen die Regierung nicht geben konnte, sei es, daß Razzien in der letzten Zeit seltener geworden waren, oder weil sie, wie aus anschließenden Diskussionen hervorging, die notwendigen Bestechungszahlungen geleistet zu haben glaubten. Man hatte sich getäuscht. Es geschah mitten im dritten Zweikampf – Hunderte von Leuten, darunter [...] meine Frau und ich, waren rund um den Ring zu einem einzigen Körper, einem wahren Superorganismus, verschmolzen –, als ein Lastwagen voll Polizisten mit Maschinenpistolen herandonnerte. Unter dem Schreien und Kreischen der Menge »pulisi! pulisi!« sprangen die Polizisten herunter in die Mitte des Rings, wo sie sogleich wie Filmgangster mit ihren Gewehren herum-fuchtelten, obwohl sie nicht soweit gingen, tatsächlich zu schießen. Der Super-organismus ging sofort in Stücke, und seine Bestandteile zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Leute rannten die Straße entlang, sprangen kopfüber hinter Mauern, krabbelten unter Häuserterrassen, kauerten sich hinter Flechtwerkwände oder flohen auf Kokospalmen. Hähne, die mit stählernen Sporen bewaffnet waren, die so scharf waren, daß sie einen Finger abschneiden oder einen Fuß durchbohren konnten, rannten wie wild umher. Alles war Staub und Panik. Nach dem bewährten ethnologischen Grundsatz »Wenn du in Rom bist ...«, entschieden meine Frau und ich, kaum weniger unverzüglich als alle anderen, daß wir ebenfalls zu rennen hätten."

Clifford Geertz, Dichte Beschreibung, Übersetzt von Brigitte Luchesi und Rolf Bindemann, Suhrkamp, Frankfurt AM Main 1983